Über die Liebe zu Schuhen
20 Apr„Was soll das heißen, du hast meine Schuhe online gestellt, um sie zu verkaufen?“
Energisch reiße ich einen leeren Schuhkarton nach dem anderen aus der unteren Hälfte unseres – aber eigentlich meines Kleiderschrankes. Von dem ganzen Sitzen und ruckartigen Bewegen sind meine Knie schon ganz rot, doch Mark, der hinter mir auf der Kante unseres Bettes sitzt, scheint sich weder für mich, noch für meine Leiden zu interessieren.
„Schieb nicht so eine Welle.“, antwortet er trocken und zuckt mit den Schultern. Der Blick, mit dem er mich segnet, ist kalt und auf eine zynische Art und Weise zufrieden. Er jagt mir einen Schauer über den Rücken, doch schon bald darauf kehrt die Wut in meinen Körper zurück. Meine Schuhe.. Alle meine Schuhe! Auf einer verdammten Onlineplattform? Wie kann er mir das nur antun?!
„Du bist selbst Schuld, Anna. Ich hab dir doch gesagt, für das, was du getan hast, muss ich eine Konsequenz ziehen.“
Ich verziehe das Gesicht, bleibe aber auf dem Boden vor unserem noch gemeinsamen Schrank sitzen und starre wütend zu ihm hinauf. Am liebsten hätte ich nach ihm geschlagen. Hätten wir uns doch bloß nie kennengelernt..! Hätte ich doch bloß dieses dumme, stumpfe Onlinedating niemals mitgemacht, dann hätte ich mir auch vier Jahre mit diesem Typen ersparen können!
„Wenn du mich verlassen willst, dann tu das bitte!, gifte ich zurück und kralle mich zur Beherrschung in einen der leergeräumten Kartons fest, die ich zuvor hervor gewühlt habe. „Aber was gibt dir das Recht, mein Eigentum zu verkaufen?“
Er verengt die Augen beleidigt. Es ist jetzt anderthalb Wochen her, dass wir uns persönlich gesehen haben. Kommunikation hat, wenn überhaupt, nur über SMS oder online stattgefunden, denn keiner von uns beiden ist scharf darauf gewesen, dem jeweils anderen direkt ins Gesicht blicken zu müssen. Er hätte vieles tun können, um mich zu verletzen, aber meine Schuhe zu verkaufen – das geht einfach zu weit.
„Was glaubst du denn, was mir die Erlaubnis gegeben hat!?“, zischt Mark bedrohlich und erhebt sich aufgebracht von dem Bett. Ich sehe, dass seine Hände zu Fäusten geballt sind, doch ich bin mir sicher, dass seine Wut nur ein Bruchteil dessen ist, was ich gerade empfinde. „Vielleicht ist es die Tatsache, dass ich dich vor zwei Wochen mit irgendeinem Penner im Bett erwischt habe!!“
Ich öffne empört den Mund, erhebe mich ebenfalls und trete einige Schritte auf ihn zu, um ihm den Finger in die Brust zu bohren, obwohl ich wünschte, es wäre ein Speer statt nur Haut und Knochen.
„Wie kannst du es wagen..!“, fange ich an, doch er unterbricht mich mit schallendem Gelächter.
„Nein! Wie konntest DU es wagen?!“, erwidert er und reißt mir den Karton aus der anderen Hand.
„Das ist das einzige, wofür du dich interessierst, Anna!“, blafft er und seine Ohren werden schon ganz rot vor Zorn. „Schuhe! Schuhe und du selbst!“
Auch, wenn ich versuche, es nicht zu zeigen: seine Anschuldigung hat mich doch ein bisschen getroffen und ich muss mir kurz auf die Zunge beißen, um nicht vollends auszuflippen. Ist das gerecht? Ich denke nicht!
„Ach so. Und das muss ich mir von jemandem sagen lassen, der sich den ganzen lieben Tag lang mit sich selbst beschäftigt und vor dem Fernseher hockt??“, argumentiere ich zurück, reiße den Karton für ehemalige Schuhe wieder an mich und mache mich mit trotzigen, schweren Schritten auf den Weg ins Arbeitszimmer, wo das bereits angeschaltete Notebook steht. Die Waffe für Marks dummen, gemeinen Plan. Alles hätte er online verkaufen können, aber die Schuhe, die ich besitze – noch besitze – die sind wesentlich mehr für mich als nur Schuhe. Im Gegensatz zu Mark haben sie mir immer das Gefühl gegeben, schön zu sein. Begehrenswert. Und nun landen sie auf einer Onlineplattform für Gerümpel. Das haben sie nicht verdient. Das habe ich nicht verdient!
Mark ist mir nachgelaufen und macht Anstalten, mir das Notebook zu entreißen, doch ich klammere mich mit all meiner Kraft daran und gewinne schließlich das Duell.
„Es sind doch nur Schuhe!!“, schimpft er und rauft sich, anscheinend völlig genervt, die Haare, während ich mit Tränen in den Augen auf den Monitor starre, wo sich einige andere Frauen völlig wild geworden bei meinen rosafarbenen Pumps überbieten. Die hab ich letztes Silvester getragen. Mark hat sie gemocht. Umso weniger kann ich verstehen, weshalb er diesen Schritt getan hat.
„Wenn es nur Schuhe für dich sind, wieso zum Geier musst du sie dann unbedingt verkaufen?“, frage ich wütend und tippe ein im Zorn entstandenes, hohes Gebot in die zuständige Zeile, doch ich werde schon nach wenigen Sekunden überboten.
„Weil sie das einzige sind, was du liebst.“, antwortet Mark und sieht mich gereizt an. „Abgesehen davon bin ich derjenige, der 90 Prozent von den hässlichen Dingern bezahlt hat.“
Ich schnaufe laut, tippe erneut ein Gebot für die Onlineauktion ein und realisiere erst jetzt richtig, dass er fest entschlossen ist, sie alle zu verkaufen, denn neben den rosa Pumps finde ich noch 37 weitere Paar Schuhe von mir, die gerade Höchstpreise erzielen. Was für eine Frechheit!
„Was redest du überhaupt für einen Blödsinn?“, murre ich leise, während ich angespannt und immer noch mit sich überschlagendem Puls die einzelnen Gebote durchgehe, die gerade auf meine heiß geliebten Schuhe abgegeben werden.
Es ist nicht so, als ob ich nicht damit gerechnet habe, dass er irgendetwas blödes tun würde. Schließlich war seine Ankündigung, es werde Konsequenzen geben, sehr eindeutig. Aber warum kann er sich nicht einfach von mir trennen? Nach vier Jahren sollte er doch endlich das tun können, wozu ich bisher nicht in der Lage war. Dieser Kerl, mit dem ich Mark betrogen habe, das war doch nichts weiter. Nicht der erste. Nur der einzige, von dem er weiß. Und vermutlich würde man von mir erwarten, dass ich es bereue oder mich schäme – aber zu so einer Sache gehören immer zwei dazu!
Ich segne Mark mit einem erbosten Blick, bevor ich das Notebook zu klappe und versuche, diese Onlineauktion zu vergessen. Er ist schließlich derjenige, der aufgehört hat, mir zu sagen, dass er mich liebt. Und er ist auch derjenige, der den Zauber zerstört hat. Weiterlesen
Typisch Mann
20 AprIch schlüpfe in die Jacke, die Tom mir hinhält, schenke ihm ein Lächeln, das er zufrieden erwidert, und winke noch einmal in die Runde, aus der wir uns entfernen.
„Macht’s gut!“, kommt es von einem von Toms Kumpel, der sein Bier erhebt, um uns zu verabschieden, anstatt seinen Hinter hoch zu hieven. Das nehme ich einfach so hin. Wir ziehen die Haustür unserer Freunde hinter uns zu und ich greife nach seiner Hand, die er mir kompromissbereit überlässt.
„Jennifer hat ziemlich abgenommen. Offenbar scheint das Ding mit der Trennkost gut zu funktionieren.“, fange ich an zu resümieren.
Tom nickt. „Ja, stimmt. Wo hat sie die Idee überhaupt her?“
„Die hat sie irgendwie online gefunden, glaub ich. Da gibt es wohl ziemlich viele Seiten drüber.. das sollte ich vielleicht auch mal probieren.“
Er lacht leise, drückt mir einen Kuss auf die Stirn und schüttelt den Kopf ein wenig.
„Wir wissen beide, dass du das nicht brauchst.“, antwortet er und obwohl ich weiß, dass er das genau so meint wie er es sagt, klingt es in meinen Ohren seltsam. Vielleicht ist das aber auch nur der Wein, der mich da beeinflusst.
„Du brauchst nicht schleimen.“, erwidere ich grinsend. „Ich hatte auch mal so eine Figur wie Jürgens neue Freundin. Wie hieß sie noch gleich? Nele, oder?“
Tom schweigt einen Moment, als müsste er erst nachdenken, auch bei ihm scheint der Wein gefruchtet zu haben. Erst einige Sekunden später nickt er.
„Ja, Nele.“, bestätigt er. „Sie ist halt auch erst Ende zwanzig. Da darf man schon noch so eine schöne Figur haben.“
„Schön?“, hake ich nach und runzle die Stirn ein bisschen, denn ich kann mir bei aller Liebe nicht vorstellen, was an diesem Mädchen, an dieser jungen Frau, schön sein soll. „Findest du sie wirklich schön?“
Tom sieht mich ein wenig verdattert an. „Ja. Wieso nicht? Hässlich ist sie jedenfalls nicht. Ich denke, er hat da schon einen ganz guten Fang gemacht.“
Ich lockere ein bisschen meinen Griff und schüttelte den Kopf, denn das, was gerade an meine Ohren dringt, gefällt mir ganz und gar nicht. Wie kann er diese Tussi nur hübsch finden?
„Veräppelst du mich? Hast du nicht gesehen, wie sie angezogen war? Das sollte ein einfacher Abend unter Freunden werden und keine Striptease-Show für irgendwelche Schweine, die mitten in der Nacht noch online sind!“
„Weshalb regst du dich so auf?“, grinst Tom, den es nicht im geringsten zu stören scheint, dass ich zunehmend von ihm ablasse. „Sie hat sich scheinbar wohl gefühlt. Sonst hätte sie die Jacke doch gar nicht erst ausgezogen. Freu dich doch einfach, dass Jürgen so ein Glück hatte und online jemanden gefunden hat.“
Schuhe statt Panik
20 AprLina wusste gar nicht genau, was genau man eigentlich von ihr erwartete, als sie sich von ihrem Schutz bietenden Stuhl erhob und an das Kopfende des langen, edlen Tisches marschierte, den ihr Chef so liebte. Aus Mahagoni gefertigt und sicher ziemlich teuer. Wie alles, was ihr Chef besaß.
„Frau Steffens wird uns nun etwas genauer in dieses Thema einführen.“, erklärte ihr Vorgesetzter seelenruhig, während er sich, nach getaner Arbeit, zurück auf seinen Platz begab und ihr das Wort überließ. Und mit einem Mal fühlte Lina sich noch viel nackter. Als hätte man ihr schlagartig sämtliche Klamotten vom Körper gerissen und sie so vor all ihre Arbeitskollegen geschoben. Es war eine Qual. Schon auf dem Weg nach vorne hatte sie das Gefühl, ihre eigentlich zuvor gut und gewissenhaft ausgesuchten Schuhe kaufen würden zunehmend schrumpfen, ihre Füße zusammenpressen, als hätte man sie sie in einen Schraubstock gesteckt.
Während sie versuchte, sich krampfhaft zusammen zu reißen, ihre viel zu klein wirkenden Schuhe zu ignorieren und sich darum bemühte, die PowerPoint-Prästentation zum Laufen zu bekommen, kroch ihr ein bitterer Geschmack die Speiseröhre hoch. Es war, als hätte sich Linas Gehirn vor lauter Stress und Anspannung einfach spontan ausgeschaltet, das Wissen über die Agentur, die das Auftreten ihrer Firma im Online-Bereich stabilisieren und ausbauen sollte, löste sich jäh in einen ganz ekelhaften Gedanken auf: Was, wenn sie diese Präsentation, so klein und unbedeutend sie auch wirken mochte, versemmelte? Würde sie gefeuert werden? Ihr Chef schien einen guten Tag zu haben, seine neuen Schuhe glänzten frisch geputzt, doch stille Wasser waren bekanntlich tief und das gefiel ihr ganz und gar nicht..
Ihre Finger huschte leise tackernd über die flachen Tasten des Notebooks, das sie sich vor einigen Monaten online bestellt hatte. Genau wie ihre Schuhe, in denen sie nun innerlich tausend Tode starb, während unter ihren Kollegen ein sanftes Gerede entstand. Umso besser, schoss es ihr in den Kopf. Dann achteten sie wenigstens nicht so doll auf Lina und den Mist, den sie irgendwie verzapfte. Sie wusste es. Bisher war an jedem Moment in ihrem Leben, in dem sie etwas eigenständig auf die Beine stellen sollte, irgendetwas schief gelaufen.
Wehleidig und mit pochendem Herzen öffnete sie die Datei mit den Daten über die Agentur, die auf das Onlinewesen an sich spezialisiert war, während ihre Gedanken einige Jahre zurück huschten.
Damals war sie Mitte zwanzig gewesen, hatte noch wesentlich längere blonde Haare als jetzt und sah sich genötigt, vor ihrem Medienkurs einen Vortrag über Online-Banking zu halten. Eigentlich ein einfaches Thema, das wusste sie damals, und das war ihr auch die Jahre danach noch sehr wohl klar. Aber all die Blicke, die damals auf ihr ruhten, waren wie eine widerwärtige Last, unter der sie sich begraben sah. Und so kam es, dass bei den ersten Schritten, die sie im Seminarraum tat, ein Absatz von einem ihrer beiden Schuhen abbrach, sie ins Stolpern kam und statt Online-Banking gab es eine geprellte Nase, viel Gelächter und kaputte Schuhe. Ihre Lieblingsschuhe waren das gewesen, ausgerechnet die hatten sie in diese unangenehme Situation gebracht – seitdem war sie vor wichtigen Vorträgen regelmäßig online unterwegs, um sich neue, feste Schuhe zu kaufen. Es war wie eine blöde Angewohnheit, die sie aber einfach nicht mehr ablegen konnte. Man könnte wohl meinen, dass es schlimmere Macken gab, aber mit den Schuhen und der Suche nach ihnen ging auch eine unmenschliche Nervosität einher, der sie sich bis dato noch nicht hatte entledigen können.
Das fing an, sobald sie den Auftrag bekam, etwas vorzubereiten und hielt selbst nach gelungener oder auch nicht gelungener Präsentation an. Oftmals lag sie einfach nächtelang wach, aß wenig und zermaterte sich den ganzen Tag lang den Kopf über eventuelle Risiken in Sachen Kleidung, Wortwahl, und und und… Es war ein Fluch. Bisher ungebrochen.
Ihre Mutter, bei der sie damals noch gelebt hatte, hatte versucht ihr zu helfen, sie beruhigt, ihr regelmäßig Tee gekocht und mit anderen Mitteln eine mögliche Genesung anzustreben. Doch es war der einzige Punkt in Linas Leben, in dem nicht einmal ihre liebe Frau Mama etwas hatte tun können. Nur mit Ach und Krach schaffte sie ihren Master, ohne sich vor dem Prüfungsamt zu blamieren. Immer wieder sah sie sich in ihrem Leben in diesen Momenten. Vermutlich war es deswegen dumm gewesen, sich bei ihrer jetzigen Firma als Assistentin vom Chef zu bewerben, schließlich implizierte dieser Job ja, dass man über die Dinge reden musste, die der Vorgesetzte lieber nicht ansprach. Reden halten gehörte dazu, das war ihr bei der Bewerbung damals durchaus bewusst gewesen, doch damals hatte sie noch die Hoffnung gehabt, wenn sie sich nur ein einziges Mal in dieses eiskalte Wasser warf, von sich aus, ohne, dass sie dazu gezwungen war, würde es vielleicht eine Wunderheilung geben. Schließlich würden dann diese Reden und Vorträge zum Alltag werden – und dann hätte sie sich daran gewöhnen können. Doch nun, sieben Jahre später, stand sie hier, vor ihren Kollegen, die sie alle mochte. Und dennoch fühlte sie sich unglaublich unwohl. Ihr Innerstes schrie, bettelte und flehte darum, aus dieser Situation heraus zu kommen, doch ihr Verstand verbot jeglichen Fluchtversuch. Sie stand da wie ein Stein. Ihre Schuhe drückten ihre Füße schmerzhaft zusammen, als bereiteten sie sich schon darauf vor, beim erst Besten Moment den Geist aufzugeben – wie so viele Paar Schuhe schon vor ihnen. Deswegen war Linas ganzer Schrank voller Schuhe, die sie sich immer mal wieder in vermeintlich weiser Voraussicht zugelegt hatte. Manche hielten sie für albern, verschwenderisch oder auch ‘typisch weiblich’. Sie hingegen wusste, dass sie mit diesem Tick für Schuhe und der vorausgegangenen Onlinesuche nichts weiter tat, als ihren Job zu retten. Jede Woche aufs Neue. Sie musste schon hunderte von Euros auf diese Art und Weise gelassen haben, aber das war es ihr wert.
„Frau Steffens?“
Die Stimme ihres Chefs drangen an Linas inzwischen blass rosa gewordenen Ohren, die jedoch glücklicher Weise hinter einem Schleier aus blondem Haar verborgen blieben. „Wir wären dann so weit.“
Linda zwang sich zum Nicken, warf noch einen letzten Blick in die Runde und fasste sich, trotz aller Zweifel und der Panik ein Herz.
„Die Frage, die Sie sich vermutlich stellen, ist: Warum sollten wir unsere Onlinepräsenz verstärken?“, begann sie also und gab sich Mühe, weder stimmlich, noch körperlich einzubrechen. „Fakt ist, dass das Internet innerhalb der letzten Jahrzehnte zunehmend an Bedeutung gewonnen hat und heutzutage neben dem Fernsehen zu den beliebtesten und am meisten genutzten Medien gehört. Dabei ist es egal, ob man sich online über Nachrichten informiert, Bewerbungen verschickt oder Schuhe kauft.“
Ein dezentes Lächeln entfuhr ihr, doch diesem Witz, der nur für sie alleine bestimmt war, gab sie sich nicht allzu lange hin.
„Es stimmt, dass unsere Firma seit mehr als 40 Jahren zu den besten drei in dieser Branche gehört, doch wenn wir diesen Platz halten wollen, müssen wir anfangen, uns für Kunden zu interessieren, die sich bisher nicht für uns interessiert haben.“
Das Speeddating-Buffet
20 Apr„Viel Vergnügen!“
Ich nickte schweigend auf diesen irgendwie noch nicht so ganz zu deutenden Satz, den mir der Veranstalter des Speeddating-Kurses hinterher schmiss, und schlich leicht eingeschüchtert über das Parkett des Saals, in dem sich bereits die online ausgesuchten Bewerber misstrauisch beäugten. Ich fühlte, wie einige Blicke auf mir landeten, als ich mich auf einem der freien Plätze niederließ. Die hochhackigen Schuhe, die ich trug, hatten ein unangenehm lautes Klacken erzeugt, dessen ich mir bei der Auswahl vor zwei Stunden dummerweise nicht ganz bewusst gewesen war. Dabei trug ich normalerweise noch nicht einmal hohe Schuhe. Ganz im Gegenteil. Turnschuhe, Sneaker, eben die bequemeren Variationen gefielen mir im Grunde genommen wesentlich besser; entschieden hatte ich mich für dieses Paar nur, weil die Lage des Treffpunktes hier derart günstig war, dass ein kurzer Fußmarsch weder meinen Füßen, noch den teuren Schuhen geschadet hatte. Inzwischen musste ich jedoch feststellen, dass allein dieser Auftritt eben Grund genug war, um die Entscheidung, die ich getroffen hatte, zu bereuen.
Generell war dieser Versuch, den ich startete, ziemlich ausweglos. Ich tat, als würde ich in meiner Handtasche etwas suchen, richtig wohl fühlte ich mich bei alledem nicht. Einige der anderen Frauen ließen sich an ihren Tischen nieder, viele von ihnen trugen, zu meiner inneren Erleichterung, ebenfalls klackernde, hochhackige Schuhe. Doch der Gedanke, in der kommenden Stunde sechs fremde Männer vor mir sitzen zu haben, die ich zuvor noch nie gesehen hatte, ließ in mir Angst aufkeimen. Wenn ich sie wenigsten online hätte sichten können.. Aber wildfremd?
Ich biss mir unentschlossen auf die Unterlippe, warf einen Blick Richtung Ausgang und stellte ansatzweise zufrieden fest, dass ich den günstigsten Platz erwischt hatte, nahe des Ausganges. Ob das jetzt bewusst oder unbewusst geschehen war, darüber wollte ich gar nicht nachdenken. Eine leise Fahrstuhlmusik setzte um mich herum ein, ich sah, wie andere Teilnehmerinnen ihre Make-Up überprüften, mit dem Handy online unterwegs waren oder einfach nur nervös an den Nägeln herumkauten. Zwischen all diesen Figuren, betrachtete ich sie einzeln, kam ich mir in diesem Moment längst nicht mehr so verloren vor.
Dennoch verfluchte ich in Gedanken meine beste Freundin, die mir vor einigen Tagen nahegelegt hatte, dieses Speeddating mit Online-Bewerbung einfach mal auszuprobieren, damit ich nicht doch noch als einsame Jungfer enden würde. Zugegeben, ihre Wortwahl war eine andere gewesen, aber zwischen den Zeilen hatte genau das gestanden!
Ich rutschte unruhig auf meinem Stuhl hin und her, den Blick auf meine hohen Schuhe gerichtet, in denen ich mich zwar nicht wohl fühlte, die aber wenigstens fabelhaft an mir aussahen. Zudem hatte ich sie erst vorgestern relativ günstig online ersteigern können. Geld sparen war für mich sehr wichtig – aber das würde ich den kommenden sechs Männern lieber nicht direkt auf die Nase binden. Manch einer würde mich für geizig halten. In Wahrheit jedoch hatte ich tatsächlich einfach wenig Geld zur Verfügung, das ich mir gewissenhaft einteilen musste. Daher waren auch neue Schuhe, egal wie günstig das Angebot sein mochte, eher die Ausnahme. Deswegen war ich zu einem großen Teil, zumindest was Einkäufe in Sachen Kleidung und Haushalt betraf, einfach online unterwegs, um ein Schnäppchen nach dem anderen zu schlagen.
Ein kalter Luftzug erwischte mich in mitten meiner Gedanken und ließ mich dezent hochschrecken. Neben mir fingen zwei Frauen, offenbar Freundinnen, zu Tuscheln an, ich hingegen musterte die eintretenden Herren mit einem Hauch von Skepsis. Wenigstens machten ihre Schuhe keine Geräusche…
Resignierend, weil ich auf den ersten Blick niemanden gesehen hatte, der mich direkt faszinierte, beugte ich mich hinunter, um meine Tasche auf dem Boden abstellen zu können, möglichst nah an meinen Schuhen, um die Kontrolle zu behalten. Als ich wieder hinter dem Tisch auftauchte, saß mir jedoch der erste, und vielleicht auch einzige Strahlemann gegenüber. Weiterlesen
Der richtige Schritt
20 AprAls Timo auf die beiden Schuhe starrte, die er in den Händen hielt, wurde ihm schlagartig bewusst, was er im Leben wollte.
Er saß auf einer der Sitzgelegenheiten, umgeben von mehr als einem Dutzend Umkleideräumen, in denen sich zu diesem Zeitpunkt jeweils eine Frau befand. Hinter einem der Vorhänge, die einen kecken Blick ins Innere verboten, ertönte die Stimme seiner Freundin Klara, die sich gerade, so wie er sie kannte, in eines dieser hautengen Tops quälte, die sie so liebte. Und er saß hier und durfte ihre Schuhe halten. Ihre heiligen, hochhackigen, unfassbar hässlichen Schuhe, die er weder an Klaras Füßen, noch ganz simpel im Regal stehend leiden konnte. Aber damals hatte er versprochen, sie ihr zu kaufen. Und ein Versprechen hielt man nun mal, auch wenn man ein Mann war und es um mörderisch hohe Schuhe ging.
„Wieso müssen wir eigentlich schon wieder shoppen gehen?“, fragte er gedämpft, die potthässlichen Schuhe online in den Händen drehend, ohne wirklich zu wissen, wie man diese Teile mit ihren ganzen Riemchen und Schnallen überhaupt anzog. „Wir waren doch gestern erst los.“
Aus der Kabine, in der Klara seit einer geschlagenen Stunde Klamotten anprobierte, drang ein leises Gelächter, das Timo nicht so richtig zuordnen konnte. Und im selben Moment landeten seine Gedanken bei Pia, seiner Arbeitskollegin und besten Freundin, mit der er sich nicht nur gut, sondern ganz ausgezeichnet verstand. Pia hielt Klara für einen oberflächlichen Menschen, doch sie hatte sich im Laufe ihrer Beziehung damit arrangiert, dass sie seine Freundin war. Gerade das war es, was das Verhältnis zwischen ihm und Pia ausmachte. Und eben weil ihre Beziehung zueinander so innig und immerhin schon seit mehr als zwei Jahrzehnten existent war, war es ihm ein Rätsel, wieso er erst jetzt begriff.
„Du Dummerchen.“, trötete Klara aus ihrer Kabine und Timo konnte hören, wie sie sich leise ächzend in ein Oberteil presste, aus dem er ihr mit Sicherheit wieder heraus helfen musste. „Das gestern war Einkaufen, nicht Shoppen. Hör zu, wenn wir Essen kaufen oder Haushaltszeug, dann nennt man das einkaufen. Shoppen bedeutet Klamotten, Schmuck, Parfum. Eben alles, was mich glücklich macht!“
Timo runzelte die Stirn ein wenig, den Blick noch immer auf die Schuhe gerichtet, deren Zehn-Zentimeter-Absätze sich zunehmend in seine Handflächen bohrten. So, wie Klara sich seit zwei Jahren in sein Leben bohrte. In seinen Alltag, seine Familie, besonders seinen Freundeskreis. Ständig hatte sie etwas zu meckern. Beim Einkaufen, auch beim shoppen, egal, wie zahm sie gerade wirkte. Bisher war noch nicht ein einziger Tag vergangen, an dem sie beide nicht aneinander geraten waren, sich nicht gezofft und angeschrien hatten. So hatte er sich die Beziehung damals nicht vorgestellt. Umso größer war die Frustration, die sich nach jedem weiteren Tag mit Klara einstellte. Weiterlesen
